«Sexworker sind selbstständige, kluge Frauen, die genau wissen, was sie tun»
Sexarbeit sei immer unwürdig, sagen Kritikerinnen. Ihr habe sie ein selbstbestimmtes Leben ermöglicht, sagt Clementine. Die Bordellchefin ärgert sich über die Ungleichbehandlung: Steuern muss sie zahlen, einen Kredit bekommt sie nicht.
Von Brigitte Hürlimann (Text) und Annick Ramp (Bilder), 18.01.2020
Es ist ein trübnasser, windiger Herbsttag. Die Leute, die an diesem frühen Abend im Oktober durch die Strassen Winterthurs eilen, haben die Mantelkragen hochgeschlagen und blicken missmutig drein.
Mürrische Mienen wird es auch in den kommenden zwei Stunden zur Genüge geben. Im «Coalmine»-Kulturcafé direkt hinter dem Bahnhof findet eine «Diskussionsrunde zum Thema Prostitution» statt, die sich als sehr unerspriesslich entpuppen sollte.
Viel Griesgram, viele Vorurteile. Viele Gutmeinende, die ihre fürsorglichen Klauen zur Rettung der Gefallenen ausstrecken.
Notfalls auch gegen deren Willen.
Zur Recherche «Das perfekte Bordell»
Sexarbeiterinnen werden bis heute gesellschaftlich verdrängt, bemitleidet oder gar verachtet. Es ist höchste Zeit für einen neuen Umgang mit der Prostitution –und eine Vision: «Das perfekte Bordell». Im Podcast «Aus der Redaktion» erzählt Autorin Brigitte Hürlimann über die Hintergründe ihres Gedankenexperiments.
Prostitution wird kontrovers debattiert. Seit gut zwanzig Jahren besonders schrill, und weltweit. Zwei Lager stehen sich unversöhnlich gegenüber. Hier die einen, die von einer unwürdigen, menschenverachtenden Sexindustrie sprechen, von einem Tummelplatz für Kriminelle, Perverse und Ausbeuter. Da die anderen, die die Sexarbeit als anspruchsvollen Beruf bezeichnen und betonen, dass viele, wenn nicht gar die meisten Sexarbeiterinnen freiwillig, eigenständig und rechtmässig tätig sind. Dass ihnen die Sexarbeit eine unabhängige, wirtschaftlich erfolgreiche Existenz ermöglicht.
So wie Clementine. Sie war die grösste Überraschung an der Veranstaltung in Winterthur. Damals, als sie in der «Coalmine» die Hand hob und ins Publikumsmikrofon sprach, kannte ich ihren Namen noch nicht.
Eine empörte Frau
Clementine sitzt ganz hinten im Raum, auf einem Barhocker, ein Glas Weisswein in der Hand. Eine sichtlich empörte Frau mit knallrotem Haar.
Sie outet sich als Bordellbetreiberin, was ein Raunen im Saal auslöst, und sie sagt: Das stimme überhaupt nicht, dass alle Sexarbeiterinnen Opfer seien, ausgebeutet von Menschenhändlern und Zuhältern, und als Kinder schon missbraucht wurden. Wie man bloss auf eine solche Idee komme? Sie arbeite nun schon seit vielen Jahren in diesem Milieu, schaffe selber an, vermiete Zimmer an Berufskolleginnen. Das seien selbstständige, kluge Frauen, die genau wüssten, was sie täten – und warum.
Die zornigen Worte richten sich an die Podiumsteilnehmerinnen, aber auch ans Publikum, das vor allem über Ausbeutung, Übergriffe, Kriminalität oder über die garstigen Freier sprechen will.
Nicht über Arbeitsbedingungen und Stigmatisierung.
Alle, ausser Rechtsanwalt Valentin Landmann, der mit seinen Voten für einen fairen, diskriminierungsfreien Umgang mit der Sexarbeit kläglich untergeht. Er erntet Hohn und Spott.
In der Runde ist, wie so oft, die Rede davon, die Prostituierten würden «ihren Körper verkaufen». Für Clementine ist das eine ebenso kreuzfalsche wie widerliche Idee. Ihr Körper gehöre ihr, genauso wie derjenige eines Hochleistungssportlers, einer Balletttänzerin, einer Tantra-Masseurin oder eines Performance-Künstlers, jeden Sekundenbruchteil lang. Selbst wenn er für sexuelle Dienstleistungen eingesetzt werde.
Gegen die Menschenwürde
Andrea Gisler, ebenfalls Rechtsanwältin, Zürcher GLP-Kantonsrätin und eine der bekanntesten Prostitutionsgegnerinnen der Schweiz, sitzt neben Valentin Landmann auf dem Podium.
Ihre Ausführungen stossen beim Publikum auf deutlich mehr Zustimmung als jene des Milieuanwalts. Gisler sieht es so: Prostitution ist ein Verstoss gegen die Menschenwürde. Das Geschlechterverhältnis manifestiert sich «fadegrad» an der Sexarbeit, die einen Nährboden für den Menschenhandel darstellt. Prostitution und Menschenhandel lassen sich nicht unterscheiden. Die Schweiz hinkt den fortschrittlichen Ländern hinterher, weil sie nicht einmal die Freierbestrafung einführen will. Freiwillige, selbstbestimmte Sexarbeit gibt es nicht. Prostitution ist immer unwürdig.
Clementine auf ihrem Barhocker hinten schüttelt fassungslos den Kopf, verdreht die Augen. Nach der Diskussion flieht sie für eine Rauchpause nach draussen und wird sofort von Besuchern umringt, die mehr von ihr erfahren wollen. Wir kommen ins Gespräch. Sie lädt mich ins Zürcher Oberland ein, wo sie wohnt, arbeitet und Wohnungen an Berufskolleginnen vermietet. Die Prostitutionsgegnerinnen halten sich auffällig fern von ihr.
Das Haus in der Pampa
Im zivilen Leben heisst Clementine nicht Clementine, das ist einer ihrer Künstlernamen. Doch zunächst einmal verschwindet sie in ausgiebige Ferien. Das habe sie dringend nötig, sagt sie mir in Winterthur und zieht an ihrer E-Zigarette. Danach sei sie aber erholt und entspannt und stelle sich gerne meinen Fragen. Kurz vor der Adventszeit kommt es zu unserer zweiten Begegnung. Zu einem Gespräch, das bis in die tiefe Nacht dauern soll. Und so spannend ist, dass ich beinahe den letzten Zug verpasse.
Clementine holt mich mit ihrem Auto am Bahnhof ab, es ist eiskalt und die Ortschaft mit blinkenden Weihnachtsgirlanden geschmückt. Wir fahren am historischen Dorfkern, an Feldern und Ackerland vorbei, bis an den Rand der Gemeinde, zu einem frei stehenden Haus, einer unauffälligen Liegenschaft. Keine roten Lichter und Lettern, keine Herzen und Laternen, nichts Zweideutiges, nur ein Haus mit Parkplatz, irgendwo in der Pampa.
«Willkommen bei mir daheim», sagt Clementine. «Die Arbeitsräume zeige ich dir später, alle drei Zimmer sind vermietet. Falls die Frauen frei sind, können wir mit ihnen reden. Doch zuerst gehen wir zu mir in die Wohnung, im oberen Stock.»
Sex gegen Geld
Zu den Gesprächen mit den drei Berufskolleginnen sollte es nicht mehr kommen. Die Frauen sind an diesem Samstagabend voll ausgelastet. Erfreulich, sagt Clementine.
Sie zeigt mir ihr Arbeitszimmer im Erdgeschoss, in dem auch sie gelegentlich Kunden empfängt. Ein kleines, quadratisches Eckzimmer mit dichten Vorhängen, einem grossen Bett und dezenter Beleuchtung. Und einer eindrücklichen Dildosammlung neben dem Nachttischlämpchen. Dildos in allen Farben und Formen.
Wir steigen die Treppe hoch in Clementines Wohnung. Die Hausherrin kocht, es gibt Lammkoteletts mit Gnocchi und Chicoréesalat, dazu trinken wir einen Sauvignon blanc. Sie schnetzelt in der Küche, ich sitze ihr gegenüber und löchere sie mit Fragen. Als sie mich Stunden später an den Bahnhof fährt, habe ich viel über ihr Leben erfahren. Über ihren Beruf. Was besonders schwierig war für sie. Und worauf sie stolz ist.
Clementine, heute 39 Jahre alt, ist in Weissrussland geboren. Sie hat die obligatorische Schule mit einer Auszeichnung abgeschlossen und nahm danach ein Wirtschaftsstudium auf. Doch die ungestüme Lebensfreude der jungen Frau liess sich schlecht mit einer Ausbildung vereinbaren, die viel Zeit und Disziplin erforderte.
«Ausserdem», sagt sie, «brach bei uns gerade der Kapitalismus aus. Es war ein wilder, hemmungsloser Kapitalismus, die Zeit der Wende, und ich war jung und hübsch. Ich ging an Partys, tanzte, trank und rauchte. Die Männer luden mich gerne ein.»
Als Clementine 18 Jahre alt wird, hat sie die Nase voll von den ewigen Geldsorgen. Sie will ein gutes Leben, und sie will es jetzt.
Wie viele ihrer Freundinnen fängt sie an, nebenbei in einem Bordell im benachbarten Polen Geld zu verdienen. Das habe sie nicht belastet, sagt sie. Das Setting mit den klaren Abmachungen habe ihr gefallen: Man hat Sex, bekommt Geld dafür – und fertig ist die Geschichte. «Ich musste es allerdings heimlich machen», sagt Clementine. «Wie die meisten Frauen.»
Sexarbeit – regulieren oder verbieten?
Die Vorstellungen im Umgang mit Prostitution gehen diametral auseinander. Was ist der korrekte Umgang mit diesem schwer fassbaren Gewerbe? Soll man die Sexarbeit verbieten – oder führt dies erst recht zu unwürdigen Zuständen?
In den nordeuropäischen Ländern gilt ein Sexkaufverbot. Freier, die die Dienste einer Sexarbeiterin in Anspruch nehmen, werden bestraft, Ausstiegsangebote für Prostituierte gefördert. Damit will man das Sexgewerbe eindämmen, die Frauen schonen und die Kundschaft in die Pflicht nehmen, so die Idee. Auch das Europäische Parlament hat sich 2014 für das sogenannte nordische Modell ausgesprochen und empfiehlt den Mitgliedsstaaten, den Kauf von Sex zu kriminalisieren.
Die Schweiz hat sich für einen anderen Weg entschieden. Sie reguliert das Gewerbe, stuft es aber seit 1942 grundsätzlich als legal ein. 1973 entschied das Bundesgericht, dass sich Sexarbeiterinnen auf die verfassungsmässige Wirtschaftsfreiheit berufen können. Und seit der umfassenden Sexualstrafrechtsreform von 1992 gilt, dass keine moralischen Auffassungen mehr geschützt werden, sondern die Integrität der erwachsenen Person: egal, ob Sex gegen oder ohne Entgelt praktiziert wird.
Der Stammfreier verliebt sich
Nach wenigen Monaten Gelegenheitsarbeit im polnischen Bordell lernt Clementine dort einen zwanzig Jahre älteren Geschäftsmann kennen. Die beiden verlieben sich und heiraten rasch.
Der Geschäftsmann arbeitet in Deutschland und in der Schweiz. Anfänglich pendelt das Paar zwischen diesen beiden Wohn- und Geschäftssitzen hin und her, später ziehen sie in die Schweiz. Clementine hört auf Wunsch ihres Mannes mit der Sexarbeit auf. Dafür begleitet sie den Unternehmenssanierer an jeden geschäftlichen Anlass. Sie hört ihm aufmerksam zu und holt sich in der Praxis, was sie an der Universität verpasst hat.
Die Ehe hält gut fünf Jahre lang, dann bricht die junge Frau aus. Sie ist 23 Jahre alt und will noch anderes erleben, das Ehekorsett ist ihr zu eng, der eifersüchtige Ehemann eine Belastung. Clementine hat in der Schweiz Deutsch gelernt und die Niederlassungsbewilligung erhalten. Die Rückkehr nach Weissrussland ist für sie keine Option: «Es ist ein korruptes Land, und dort gibt es keine Chancengleichheit.»
Um sich über Wasser zu halten, jobbt sie hier und dort, in einer Bar, in einem Casino, als Dolmetscherin. Erst als sie arbeitslos wird, entscheidet sie sich, zur Sexarbeit zurückzukehren. «Arbeitslosengeld zu beziehen, kam für mich nicht infrage. Das ist nicht mein Weg», sagt sie.
Die Puffmutter
Auch als Prostituierte weiss sie genau, was sie will – und was nicht. In Unterhosen gekleidet vor einem Freier auf und ab zu gehen oder die Launen eines dämlichen Bordellchefs ertragen zu müssen, das passt ihr nicht. Also beginnt sie Zimmer zu mieten und dort anzuschaffen: Niemand soll ihr dreinreden, wie sie ihr Geschäft betreibt.
Sie erkennt rasch, dass sie ihre Freier im Internet suchen muss, dass ein professioneller Onlineauftritt entscheidend ist für den Erfolg. «Heute vermiete ich Zimmer an Frauen, die genauso arbeiten wie ich», sagt sie: «Selbstständig und professionell, an einem diskreten Ort, in einem angenehmen Ambiente.»
Clementine vermietet an neun Standorten in der Schweiz Zimmer für sexuelle Dienstleistungen. Zu ihren Mieterinnen gehören junge und ältere Frauen, Transmenschen und Dominas: «Man nennt mich Puffmutter», sagt sie. «Aber das ist mir egal.»
Zu ihrem Betriebskodex gehört: keine Fake-Fotos, keine falschen Versprechen, kein ungeschützter Sex. In der Ethik-Charta, die sie auf der Website publiziert, schreibt sie in Grossbuchstaben: «Respekt, Würde und Sicherheit.» Und sie erwähnt, dass die Sexarbeiterinnen jederzeit eine Leistung verweigern oder beenden können: «Ohne Angabe von Gründen.» Dass die Polizei gerufen werde, wenn es zu Zwang oder Gewalt käme.
Sie spricht von Bijou-Etablissements, und sie ist stolz darauf. Das Hübsche und Gepflegte sei ihr Label, ihr Anspruch, ihr Markenzeichen. Das Gegenteil von Schmuddel. Die Adressen der Wohnungen werden nicht publiziert, sondern den Kunden erst kurz vor dem Termin mitgeteilt. Clementine will kein Geläuf, keine Glotzer. Und sie will die Nachbarn nicht aufschrecken.
Steuern zahlen ja – Bankkredit nein
Also läuft alles wie geschmiert? «So langsam, langsam kommt es wieder», sagt sie. Sie hat sich eben erst wieder aufgerappelt, hat einen Schuldenberg abgearbeitet, den ihr ein Ex-Freund eingebrockt hatte. Der Mann war anfänglich eine grosse Liebe. Er verwöhnte sie nach Strich und Faden, doch dann mischte er sich immer mehr in ihr Geschäft ein, kopierte die Idee und betrieb parallel zu ihr eigene Etablissements.
Irgendwann haute er ab und überliess ihr nicht bezahlte Rechnungen in der Höhe von mehreren zehntausend Franken.
«Ich bin auf ihn reingefallen, das ist kein Zufall», sagt Clementine. «Als Ausländerin, die neu im Sexgewerbe tätig ist, greift man nach jedem Strohhalm. Niemand hilft dir. Die Inakzeptanz ist derart gross, dass man um jede Brosame froh ist. Ich darf zwar Steuern zahlen, aber einen Bankkredit bekomme ich nicht. Also bin ich auf Helfer angewiesen. Doch ich habe meine Lehren gezogen.»
Mit den Lebenspartnern hat Clementine bisher eher Pech gehabt. Und wie sieht es mit den Freiern aus?
«Das hat mich im Fall total aufgeregt, an dieser Diskussion in Winterthur», sagt sie, als wir in der sternenklaren Frostnacht in Richtung Bahnhof fahren. «Wie kommen diese Frauen dazu, die Freier derart schlechtzumachen? Natürlich gibt es die Freierforen im Internet mit scheusslichen, aufgeblasenen Sprüchen. Doch das ist erstens Bluff und Wichtigtuerei, und zweitens ist es eine kleine Gruppe von Freiern, die sich derart im Internet äussert. Das ist nicht repräsentativ für alle Kunden. Unsere Freier sind ganz normale und in aller Regel anständige Männer, die froh sind, unbemerkt zu bleiben. Ist das so schwierig zu verstehen?»
Zur Veranstaltung «Unser Job – Sexarbeit»
Das Thema Prostitution wird kontrovers debattiert. Die einen verdammen die Sexarbeit, die anderen sehen darin einen ganz normalen Beruf. Viel zu selten wird mit statt über Sexarbeiterinnen geredet. Am 17. Februar moderiert Brigitte Hürlimann eine Diskussion im Zürcher «Kosmos», an der Sexarbeiterinnen aus ihrem Berufsalltag erzählen. Alle Informationen zur Veranstaltung finden Sie hier.