Unklare Rechtslage im Swimmingpool
Von Michael Rüegg, 11.07.2019
Schwimmen ist eine ernste Sache. Und eine komplizierte.
Wer Längen schwimmt, will nicht gestört werden. Schon gar nicht durch planschende Kinder, aber ebenso wenig durch andere Schwimmerinnen.
Wenn sich in den Freibädern Zürichs bereits in den frühen Morgenstunden die ersten Hobbysportler zu Wasser lassen, haben sie zwei Möglichkeiten: Sie wählen eine der Bahnen, idealerweise die zu ihrem Tempo oder Schwimmstil passend markierte. Oder sie schwimmen im offenen Bereich, der ohne Abtrennungen auskommt.
Das offene Wasser ist allerdings Gefahrenzone. Weil hier zwei unterschiedliche Ideologien aufeinanderprallen: Die einen schwimmen in imaginären Bahnen, rechts rauf, links runter. Sie bewegen sich u-förmig (wobei das U eigentlich ein langgezogenes O ist, weil sie am Beckenrand einen U-Turn machen). Andere wählen eine Linie und schwimmen an ihr auf und ab. Wählen also kein U, sondern ein I.
Das führt dazu, dass sich U- und I-Schwimmerinnen gelegentlich in die Quere kommen. Wer hat nun recht? Der U-Schwimmer sagt: «Im Pool herrscht Rechtsverkehr.» Die I-Schwimmerin: «Es hat genügend Platz, damit alle ihre eigene Bahn haben.»
Da zusätzlich noch das unausgesprochene Anciennitätsprinzip gilt – sprich: wer zuerst da war, dem müssen die später Gekommenen ausweichen –, führt das mitunter zu wüsten Szenen. Und man spürt gelegentlich die ausschlagenden Gliedmassen von Mitschwimmenden am eigenen Körper. Auch böse Blicke sind häufig, Beschimpfungen keine Seltenheit.
Würden alle nach derselben Regel schwimmen, wäre das Problem kaum spürbar. Doch solange jeder darauf beharrt, dass sein Gesetz gilt, bleibt es schwierig.
Es war der einstige mexikanische Präsident Benito Juárez (1806–1872), der sagte: «Der Respekt vor dem Recht des anderen bedeutet Frieden.» Allerdings gab es zu seiner Zeit noch keine öffentlichen Schwimmbäder im Land.
Und weil man beim Schwimmen so viel Zeit hat, über Dinge nachzudenken – solange man als I-Schwimmer nicht gerade U-Schwimmerinnen ausweichen muss –, denkt man über Gott und die Welt nach. Irgendwann gelangt man gedanklich vielleicht zum Rahmenabkommen und schluckt vor Schreck ob der Metapher, die sich hier auftut, versehentlich etwas Chlorwasser.