Damir Skenderovic
Über Jahrzehnte leisteten rechte Intellektuelle Vorarbeit für das Emporkommen des Populismus. Ihre Vorbilder waren: die 68er – und die Schweizer Reaktionäre. Historiker Damir Skenderovic im Videogespräch mit Roger de Weck.
Mit Roger de Weck (Moderation), 24.01.2019
Der Historiker Damir Skenderovic, Professor für Zeitgeschichte in Fribourg, forscht seit zwanzig Jahren über den Rechtspopulismus: über die Vordenker und das strategische Vorgehen der Reaktionäre, die inzwischen in ganz Europa den Durchbruch geschafft haben.
1968 lancierten der «moderne» Populist James Schwarzenbach und die «Nationale Aktion gegen die Überfremdung von Volk und Heimat» die erste fremdenfeindliche Volksinitiative. Historiker Skenderovic sieht den Zürcher Schwarzenbach, Spross einer Industriellenfamilie, als «Prototypen» der Rechtspopulisten, wie wir sie heute kennen. Auf die Romandie wirkte ihrerseits die Leitfigur der französischen Nouvelle Droite, Alain de Benoist.
Nicht nur Schwarzenbach habe eine europaweite Ausstrahlung gehabt, sagt Skenderovic. Bald avancierte auch die SVP zum Vorbild europäischer Rechtspopulisten, indem sie schon zu Beginn der 1990er-Jahre auf die zwei heute massgeblichen Themen setzte: Europa und Migration.
Dabei profitierten Schweizer Populisten von der direkten Demokratie, die es ermöglicht, mit Volksinitiativen früh neue Themen durchzusetzen – egal, wie die Abstimmung ausgeht: Die «Schwarzenbach-Initiative» lehnten 54 Prozent der Schweizer Männer ab (das Frauenstimmrecht gab es noch nicht).
In europäischen Ländern herrscht seit den 1990er-Jahren Streit über das Für und das Wider von Regierungskoalitionen mit populistischen Parteien. Anders in der Schweiz: Ohne jede Debatte blieb die SVP im Bundesrat, nachdem sie ihren populistischen Kurs eingeschlagen hatte. Es zeige sich dabei, sagt Skenderovic, dass der Einbezug der Populisten sie in keiner Weise schwäche. Vielmehr führten Reaktionäre – gemäss der vor Jahrzehnten skizzierten Strategie von Alain de Benoist – erst recht ihren «Kulturkampf von rechts». Dabei liessen sie sich von den Provokationen und Taktiken der linken 68er inspirieren. Und hätten damit Erfolg: «Die Grenzen des Sagbaren und Schreibbaren haben sich verschoben», meint Skenderovic.
Dies habe aber auch «mit dem allmählichen Vergessen der Katastrophen des Zweiten Weltkriegs» zu tun. Diskriminierung und Stigmatisierung von Menschengruppen, Hass auf Sündenböcke, Rassismus, Nationalismus – «es geht vergessen, welche Folgen diese Ideologien hatten», die das Opfer zum Täter stempelten und jedes Individuum einzig über seine Zugehörigkeit zu einer Religion oder einer ethnischen Gruppe definierten.
Indessen kommt laut Damir Skenderovic eine kräftige Gegenbewegung auf im Zuge einer breiten «Politisierung der Gesellschaft»: Viel mehr Menschen interessieren sich für Politik, gerade in den USA von Donald Trump. Und ein Grossteil der Gesellschaft fordert, wie etwa bei der «Selbstbestimmungsinitiative», die Menschenrechte ein.
Mit diesem Interview endet die 2. Staffel unserer Gesprächsreihe «An der Bar».
Was Sie im Beitrag erwartet:
1968, Aufbruch der Neuen Rechten (1:03)
Schweizer Vordenker (11:26)
Political Correctness (32:29)
1991, Aufschwung der SVP (46:15)
Blick in die Zukunft (52:28)
Das Gespräch steht Ihnen auch als Audioversion zur Verfügung: